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Wie kann man die Welt ver­än­dern? Diese Frage stel­len sich immer mehr Men­schen und Gemein­schaf­ten. Doch viele Träume zer­stäu­ben, viele Pro­jekte schei­tern, viele Bewe­gun­gen ver­lau­fen im Sande, weil es irgend­wie dann doch nicht so hin­haut. Dabei gibt es mitt­ler­weile Metho­den, die bei der Rea­li­sie­rung sol­cher Vor­ha­ben hel­fen. Ein Interview mit Dragon-Dreaming-Trainer Florian Müller aus Leipzig:

Es ist nun über vier Jahre her, dass ein Freund Flo­rian Mül­ler fragte, ob er nicht mit ihm zusam­men ein Gemein­schafts­pro­jekt star­ten wolle. »Prima, da springt bestimmt ein Job für mich her­aus!« dachte der sich damals. Doch die Arbeit beein­flusste ihn nach­hal­tig: er stu­dierte zwei Semes­ter an der Friedens-Uni in Tamera (www.tamera.org) und machte sich nach sei­nem Stu­dium mit »pro­jek­tUP!« (www.projektup.org) selb­stän­dig – einem Pro­jekt­büro, das gemein­schafts­ori­en­tierte Pro­jekte bei der Ent­wick­lung, Pla­nung und Umset­zung unter­stützt. Er sprach mit uns über seine Arbeit, Träume und Erfah­run­gen, u.a. mit den Metho­den »Trans­for­ma­ti­ves Cam­pai­gning« und »Dra­gon Drea­ming«.

Was macht pro­jek­tUP!?

Florian: pro­jek­tUP! ist ein Dienst­leis­tungs­büro für gemein­schafts­ori­en­tierte Pro­jekte – also Unter­neh­men, Orga­ni­sa­tio­nen, Gras­wur­zel­pro­jekte und NGOs, die koope­ra­tiv, orga­nisch und nicht hier­ar­chisch arbei­ten oder dies in ihren Struk­tu­ren zukünf­tig tun wol­len. Also alle, die ohne Chef aus­kom­men und ihre Pro­jekte aus der Mitte der Gruppe her­aus umset­zen. Diese unter­stützt pro­jek­tUP! dabei eigene Hand­lungs­kon­zepte zu ent­wi­ckeln und Ver­än­de­rungs­po­ten­tiale zu ent­de­cken. Dazu gehört die Ent­wick­lung von Visionen, die stra­te­gi­sche Pla­nung, Wertschöpfungs- und Orga­ni­sa­ti­ons­pro­zesse, PR/Öffentlichkeitsarbeit und Fundraising.

Warum sind nicht-hierarchische, gemein­schaft­li­che Pro­jekte so wich­tig für unsere Gesellschaft?

Florian: Weil wir die Pro­bleme des 21. Jahr­hun­derts nicht mit Struk­tu­ren und Model­len aus dem 19. Jahr­hun­dert lösen kön­nen. Klas­si­sche Ver­eine oder Unter­neh­men sind nach Struk­tu­ren aus dem 19. Jahr­hun­dert auf­ge­baut, doch diese Struk­tu­ren sind nicht nach­hal­tig. Wir ken­nen den Begriff »Nach­hal­tig­keit« ja vor allem von der Ökolo­gie und Ökono­mie. Aber es gibt auch so etwas wie eine soziale Nach­hal­tig­keit.

Dazu gehört z.B. die Frage: Was kann ich als Mit­ar­bei­ter oder Mit­glied einer Orga­ni­sa­tion tun, damit alle mit Freude und Krea­ti­vi­tät dabei sein kön­nen? Was für eine Struk­tur brau­che ich, damit jeder sein vol­les Poten­tial aus­le­ben kann? Das kann nicht über hier­ar­chi­sche Struk­tu­ren gewähr­leis­tet wer­den. Das braucht so etwas wie eine »Empy Cen­te­red Orga­ni­sa­tion«. Also eine Orga­ni­sa­tion, die nicht besteht, damit die Orga­ni­sa­tion besteht – son­dern damit die (sinn­volle) Arbeit getan wird.

Unter­stützt Du auch Orga­ni­sa­tio­nen, die von einer hier­ar­chi­schen zu einer nicht-hierarchische Orga­ni­sa­ti­ons­form umstei­gen wollen?

Florian: Bis jetzt hatte ich noch keine Gele­gen­heit dazu. Aber ich kann mir vor­stel­len, dass sol­che Orga­ni­sa­tio­nen bald auf Men­schen wie mich zukom­men wer­den. Und sie sind natür­lich auch ein Teil des gro­ßen Wan­dels und ein Räd­chen, an dem man dre­hen kann. Aber ich glaube, dort sind die Struk­tu­ren sehr fest und der Wille zum Wan­del sehr stark sein, wenn er etwas bewe­gen soll.

Ich glaube das größte Poten­tial für Ver­än­de­run­gen liegt dort, wo Men­schen frei­wil­lig ein Pro­jekt auf die Beine stel­len, weil sie eine gemein­same Idee, einen gemein­sa­men Traum oder eine gemein­same Vision haben. Was die Men­schen hier ler­nen, das set­zen sie spä­ter auch in ihrem Arbeits­le­ben und in ihren Fami­lien um.

Momen­tan ist die Wirt­schaft mit ihrer Struk­tur für die meis­ten ja noch Dreh- und Angel­punkt ihres Lebens. Wie wird sich das in den nächs­ten Jah­ren entwickeln?

Florian: Mei­ner Mei­nung nach geht es für uns Men­schen darum einen schritt­wei­sen Übergang zu fin­den: Wir sind noch aktiv im – ich will mal sagen – »alten, bekann­ten Sys­tem«, um unsere Miete zu bezah­len und unse­ren Kühl­schrank zu fül­len. Gleich­zei­tig müs­sen wir Ver­än­de­run­gen hin zu einem neuen Sys­tem bewir­ken. Dabei geht es um Koope­ra­tion, Selbst­er­mäch­ti­gung und gemein­schaft­li­ches Arbei­ten.

Meine Vision ist, dass wir alle in Frie­den zusam­men leben kön­nen – und das bedeu­tet, dass jeder sein Leben so gestal­ten kann, dass er sein vol­les Poten­tial ein­brin­gen kann. Dass wir Räume und Struk­tu­ren schaf­fen, wo wir gemein­sam wach­sen kön­nen. Bei mir klappt das momen­tan sehr gut (lacht). Ich schaue aber auch – wenn sich mir etwas ver­meint­lich in den Weg stellt – genau, was mir das sagen will.

Wel­che Metho­den wen­dest Du an, um diese gemein­sa­men Wachs­tums­räume zu öffnen?

Florian: In eini­gen Aus- und Wei­ter­bil­dun­gen sowie Stu­di­en­auf­ent­hal­ten habe ich ver­schie­dene Werk­zeuge und Metho­den erlernt u.a. »das Forum« – eine Methode für trans­pa­rente Grup­pen­kom­mu­ni­ka­tion – oder »Dra­gon Drea­ming« sowie »Trans­for­ma­tive Cam­pai­gning«. Letz­te­res hat die Ber­li­ner Agen­tur Impuls (www.impuls.net). Ent­wi­ckelt. Das ist eine sehr inno­va­tive Methode, um klas­si­sches Kam­pa­gnen­-Ma­nage­ment neu zu inter­pre­tie­ren und Aspekte hinzu zu fügen, die bis jetzt gefehlt haben. Die Methode setzt sich aus drei Tei­len zusammen:

1. Die Selbst­trans­for­ma­tion: Wenn wir als Indi­vi­duum etwas in die­ser Welt ver­än­dern wol­len, dann fängt das immer bei uns als Indi­vi­duum an. Wir müs­sen uns inner­lich ver­än­dern, um bei unse­ren Mit­men­schen und in unse­rer Gesell­schaft einen Wan­del for­dern zu kön­nen.

2. Leben­dige / direkte Demo­kra­tie: Das heißt, man kann eine Kam­pa­gne nie über die Köpfe der Men­schen hin­weg machen, die sie betrifft. Son­dern man muss sie koope­ra­tiv ein­bin­den – ansons­ten stülpt man ihnen ein­fach etwas über, aber das wird kei­nen nach­hal­ti­gen Wan­del erzeu­gen.

3. Die stra­te­gi­sche Kam­pa­gnen­pla­nung: Das ist die klas­si­sche Arbeit eines Campaigners.

Und wie sieht es mit der Methode des »Dra­gon Drea­ming« aus?

Florian: Bei »Dra­gon Drea­ming« ste­hen das per­sön­li­che Wachs­tum, die För­de­rung von Gemein­schaft, das Grup­pen­wachs­tum sowie das Wohl der Welt, Krea­ti­vi­tät und Leben­dig­keit im Mit­tel­punkt. »Dra­gon Drea­ming« geht davon aus, dass Pro­jekte nur dann funk­tio­nie­ren, wenn die Men­schen voll und ganz dahin­ter ste­hen – also wenn man immer wie­der genau hin­schaut, was der Ein­zelne braucht, um beim Pro­jekt mit dabei sein zu kön­nen. Dabei fan­gen alle Pro­jekte immer mit der Idee eines Ein­zel­nen an. Damit es dann aber das Pro­jekt einer Gruppe wer­den kann, muss es ster­ben und in einem bestimm­ten Pro­zess als Grup­pen­pro­jekt wie­der gebo­ren werden.

Das hört sich in der Theo­rie super an – aber meist schei­tern Pro­jekte in der Pra­xis ja an zwi­schen­mensch­li­chen Unstim­mig­kei­ten… Was ist Deine Erfahrung?

Florian: Doch das funk­tio­niert bei »Dra­gon Drea­ming«. Und zwar des­halb, weil es nicht darum geht, dass die Idee der ulti­ma­tive Traum eines jeden Ein­zel­nen ist. Es geht viel mehr darum, das Pro­jekt so umzu­setz­en, dass jeder mit­ge­hen kann. Da geht es z.B. auch um die Frage, wel­che Kom­pe­ten­zen jemand ein­brin­gen und – noch viel wich­ti­ger – hinzu gewin­nen kann?

Pro­jekte schei­tern ja sel­ten an der Idee oder der Vision, son­dern meis­tens am Zwi­schen­mensch­li­chen – ich sag mal über­spitzt: an Macht, Geld und Liebe. Das Phan­tas­ti­sche an der Methode »Dra­gon Drea­ming« ist, dass tat­säch­lich ein Vier­tel der Zeit für das Zwi­schen­mensch­li­che, die Kom­mu­ni­ka­tion ein­ge­plant ist. Das wird hier das »Fei­ern« genannt. Und ich glaube, dass wenn wir zuneh­mend die Räume schaf­fen, in denen sich die Men­schen tat­säch­lich begeg­nen und etwas überein­an­der erfah­ren kön­nen, dann ist der Unter­schied zwi­schen Theo­rie und Pra­xis nicht mehr so groß.

Und schließ­lich gibt bei »Dra­gon Drea­ming« ganz viele Metho­den, die bei der Umset­zung von Pro­jek­ten wich­tig sind. Dazu gehö­ren Metho­den für die Team­bil­dung, spie­le­ri­sche Mög­lich­kei­ten für die Bud­ge­tie­rung, Monitoring-Methoden und so wei­ter. John Croft, der Erfin­der von »Dra­gon Drea­ming«, hat mitt­ler­weile über 240 Pro­zesse inte­griert – also Punkte, die man sich inner­halb eines Pro­jek­ten mit Hilfe von »Dra­gon Drea­ming« anschauen und bear­bei­ten kann.

Dabei funk­tio­niert Dra­gon Drea­ming sehr orga­nisch. Das sieht man auch schon an dem Pro­jek­t­ab­lauf, der als Kreis orga­ni­siert ist und aus den Berei­chen »Träu­men«, »Pla­nen«, »Han­deln« und »Fei­ern« besteht – und danach geht es wie­der über zum »Träumen«.

>> Das Interview entstand für das Blog www.fuereinebesserewelt.info und wurde von Ilona Koglin durchgeführt.