von Andreas Boegner und Angelika Schall

Immer wieder geschieht es, wenn ich einem potentiellen Kunden für eine Projektbegleitung vom Dragon Dreaming erzähle, dass mich mein Gegenüber nach dem Nennen des Namens ungläubig anschaut. In seinem Gesicht machen sich deutliche Spuren des Zweifels breit, ob es sich nun wirklich um eine Projektentwicklung handelt oder eigentlich mehr um chinesische Esoterik. Ich bin dann jedes Mal unzufrieden mit dem Namen. Aber das, was wir tun, ist nun einmal unter dem Namen Dragon Dreaming weltweit bekannt, weshalb es unklug wäre, ihn zu ändern.

Das Dragon Dreaming ist auf Grundlage der Erfahrung von John Croft mit der westlichen und der aboriginal Kultur in Australien entstanden. Im Schöpfungsmythos der Aboriginal People übernimmt der Drachen oder die sogenannte Rainbowsnake die Rolle des Schöpfers. Sie befreit sich aus dem Innern der Erde, in der sie mit den anderen noch schlafenden Tieren und Wesen eingeschlossen war, bis sie den ersten Sonnenstrahl entdeckt. Sie durchstößt die Erdkruste und kriecht über die Erde. Sie wirft dabei die Berge auf. Hinter ihr bleiben die Flusstäler zurück, und wo sie sich ausruht, entstehen die Seen. Sie windet sich an ihren Ausgangsort zurück und weckt die anderen Tiere, die ihrem Ruf folgen, um Ihre Aufgaben in der Welt zu übernehmen.

Welche Bedeutung aber hat der Drache in unserer europäischen Kultur? Er wird in der Bibel als ein sich Gott ebenbürtig fühlender Engel beschrieben, der deshalb aus der Schar der Engel ausgestoßen wird. Von Erzengel Michael wird er im Kampf auf die Erde hinab geworfen, um dort als Drache, Widersacher Gottes und Verführer der Menschen sein Dasein in der Verbannung zu fristen. Aber er scheint in Form der Schlange doch noch einen versteckten Zugang ins Paradies zu haben. So kann er Adam und Eva verleiten, den Apfel vom verbotenen Baum der Erkenntnis zu essen. Der biblische Blick entwirft so ein negatives Bild von der Schlange, bzw. dem Drachen.

Aber welcher Zustand war das Paradies für Adam und Eva? Sie waren wohlversorgt in allen ihren Bedürfnissen, sie brauchten keinerlei Verantwortung zu tragen. Sie lebten in einem geschützten Raum, der persönliche Entwicklung weder erforderte noch zuließ, so lange sie Gottes Gebote befolgten. Da betritt der Drache die Bühne, indem er von außen in das Paradies eindringt und Eva zusammen mit Adam den Apfel der Erkenntnis reicht. Auf der Erde erwachen beide aus ihrem paradiesischen Zustand und erkennen, dass sie nun selbst für ihre Entwicklung sorgen und Verantwortung tragen müssen. Es ist ein erster Bewusstseinsschritt.

Mit dem Verweis aus dem Paradies, stehen Adam und Eva im Spannungsfeld zwischen dem göttlichen Willen im Himmel und dem Einfluss des Drachen auf der Erde. Hieraus entsteht der Impuls zu Entwicklung. In Märchen und Sagen verschiedener Völker wird der Drache als Hüter sagenumwobener Schätze gesehen, der diese am Eingang zu einer Höhle bewacht. Diese Schätze sind in der Regel Metaphern für geistige Erkenntnisse und damit verbundener Entwicklungsschritte. Der Mensch – im Märchen der Prinz – muss sich diese Schätze erkämpfen.

Jede auf diesem Weg errungene Erkenntnis ist ein Schritt in der persönlichen Entwicklung. Und all` das Wissen, das wir auf diesem langen Weg errungen haben, schafft für uns die Möglichkeit zu freier Entscheidung. Wir können daraus die Verantwortung spüren, uns für die Entwicklung von Gemeinschaft einzusetzen und der Erde zu dienen. Die persönliche Entwicklung, die Entwicklung von Gemeinschaft und der Dienst an der Erde sind die drei Grundpfeiler des Dragon Dreaming.

Diese, positive, Entwicklung fördernde Seite des Drachen lässt Goethe den Mephisto im Faust aussprechen: „Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“. Der Drache lässt sich nicht endgültig besiegen, weil er diese Aufgabe hat. Aber wir haben die Möglichkeit, ihn zu zähmen und einen „freundlichen“ Umgang mit ihm zu pflegen.

In der Projektentwicklung mit Dragon Dreaming sehen wir den Drachen als auf der Schwelle von einem zum nächsten Entwicklungsschritt sitzend. Es gilt, diesen Schritt zu bewältigen, indem wir den Drachen liebevoll in den Arm nehmen und mit ihm über die Schwelle tanzen.

Es zeigt sich, dass der Drache in den europäischen, wie auch in Form der Rainbowsnake in den australischen Schöpfungsmythen Ähnlichkeiten aufweist. Die Schöpfungsschlange der Aboriginal People verlässt den schützenden Innenraum der Erde, während der biblische Drache aus dem geschützten Raum des Himmels hinausgeworfen wird. Beide kehren zu ihrem Ausgangspunkt zurück, um wirken zu können. Der biblische Drache lässt Adam und Eva mit dem Apfel Erkenntnis zuteil werden, weshalb sie zwangsläufig den „Bubble“ des Paradieses verlassen müssen. Die aboriginal Schlange zeigt den anderen Wesen das Licht, das alle an die Oberfläche lockt. Das Licht war immer schon ein Bild für Weisheit und Erkenntnis.

Das Überschreiten der Schwellen zwischen den vier Projektphasen des Dragon Dreaming,Träumen/Visionieren, Planen, Umsetzen und Feiern, bringt Erkenntnisse und Fähigkeiten für neue Entwicklungen.